Über 11.000 Menschen haben am Sonntag den 21. Juli an der Klima-Demonstration „Munich for Future“ am Münchner Odeonsplatz teilgenommen. Organisiert wurde die Demo für die Erwachsenen, die die „Fridays for Future“-Bewegung der SchülerInnen nicht aktiv unterstützen können, da sie berufstätig sind und freitags arbeiten müssen. Es wurde also ein familienfreundlicher Termin an einem Sonntag um 16:00 Uhr festgesetzt und in den (sozialen) Medien beworben und verbreitet. Und die Erwachsenen kamen! Viele Familien mit Kleinkindern, Teenager und junge Erwachsene – sie alle ließen sich nicht zweimal bitten. 

Endlich hatten auch mein ältester Sohn und ich eine Möglichkeit, die „Fridays for Future“-Bewegung aktiv zu unterstützen. An der Ayinger Grundschule wurden zwar im letzten Schuljahr einige Umweltaktionen – angeregt durch die Umwelt-AG -, wie das „Plastikfasten“ oder „Autofrei zur Schule“ erfolgreich durchgeführt, aber Freitags-Proteste, die von Greta Thunberg inspiriert sind, fanden nicht statt. In der S-Bahn von Aying zum Marienplatz hatten wir etwas Zeit und Ruhe, um über Erderwärmung, Klimagerechtigkeit und den dramatischen Anstieg des CO2-Ausstoßes zu sprechen. Ich versuchte meinem Sohn zu erklären, warum die Bewegung „Fridays for Future“ heißt und dass die SchülerInnen nicht einfach den Unterricht schwänzen, sondern die versäumten Unterrichtsstunden in Umweltprojekten und AGs nachholen müssen. Ich, bei der sonst die Schule unter den obersten Prioritäten rangiert, musste meinem erstaunten Kind klar machen, dass die drastischen Protestaktionen durchaus notwendig sind. Anders würden die Politiker und die Industrie, die seit etwa 40 Jahren von der globalen Erderwärmung wissen, weiterhin nichts unternehmen.

Aber wie erklärt man einem Zehnjährigen altersgerecht und ohne ihm das Gefühl der Zuversicht zu nehmen, dass wir unaufhaltsam einer gewaltigen Klimakrise entgegensteuern, die wir selbst durch unser Konsumverhalten und unseren Lebenswandel verursacht haben? Wie bringt man seinen Kindern bei, dass sie sich vermutlich mit der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte auseinandersetzen werden müssen, die Menschen selbst über Generationen verursacht haben? Das ist leider gar nicht so einfach… Ich versuche es mit einer Mischung aus kindlichem Enthusiasmus und träumerischen Optimismus. 

Um zehn vor vier kamen wir schließlich am Marienplatz an, nur um feststellen zu müssen, dass die regulären U-Bahnen zum Odeonsplatz, wo die Hauptkundgebung angekündigt war, ausfielen und man auf Pendelzüge umsteigen müsste, die nur alle 15 Minuten fuhren. So viel zum funktionierenden ÖPNV als umweltfreundliche Alternative zum Auto! Wäre ich eine Verschwörungstheoretikerin mit Aluhut, hätte ich gedacht, man wolle die Menschen von der Teilnahme an der Demo abhalten, aber als angehende Umweltaktivisten ließen wir uns die Laune nicht verderben und liefen trotz leichtem Regen zu Fuß weiter.

Viele andere Familien, Pärchen und Grüppchen von ausgelassenen Jugendlichen zogen mit selbstgebastelten und zum Teil sehr witzigen und kreativen Schildern an uns vorbei. Die Sonne kam nach und nach raus und man sah eine unglaublich breite Mischung von Menschen: Alt-68er standen neben Punks mit Antifasymbolen und Irokesenhaarschnitt in Regenbogenfarben, daneben eine große Gruppe von „Scientists for Future“ in weißen Kitteln, elegante Münchner Hipster in Polo-Shirts mit ihrem Nachwuchs…es war absolut unmöglich, diese Demonstrantinnen und Demonstranten in irgendeine Schublade zu stecken. Die Menschen haben wohl mittlerweile begriffen, dass die Klimakrise unserer aller Zukunft betrifft! 

Die Stimmung auf dem Odeonsplatz hatte etwas von einem großen Sommerfest: es herrschte ausgelassenes, buntes Treiben begleitet von Trommelmusik und Stimmengewirr vieler Menschen. Von der Tribüne an der Feldherrenhalle wurden über Mikrofone Anweisungen und Informationen an die Menge durchgegeben. Die Augen meines Sohnes leuchteten – er war aufgeregt und sehr neugierig. Für die Kinder, die ohne eigene Schilder kamen, gab es während der Eröffnungsreden einen improvisierten Bastelworkshop und so waren wir zum Schluss mit einem selbstgebastelten mit Klebeband am Regenschirm befestigten Schild ausgestattet. Darauf war ein ziemlich krank aussehender Planet Erde zu sehen, mit einer Mütze und einem Thermometer im Mund. Darüber die Aufschrift: „Vertrage das Klima nicht!“ Mein Sohn hielt es stolz in die Luft und der Menschenzug setzte sich in Bewegung. 

Begleitet von Musik aus einem riesigen Auto am Kopf des Zuges liefen wir zunächst zum Karolinenplatz. Vorbei an edlen Geschäften mit teuren Autos, die einmal in Betrieb, unglaubliche Mengen an Kraftstoff verschlingen sollten. Einkaufende Familien in den Läden machten von uns Fotos und Verkäufer betrachteten uns durch die glänzenden Fensterscheiben erstaunt und etwas missmutig. Die Strasse war gesäumt von wunderschönen Blumenbeeten mit bienenfreundlicher Bepflanzung. Eine in der Tat eigenartige Mischung von Konsumwahn und Naturschutz, dachte ich. 

Die Jugendlichen um uns herum schmetterten immer wieder einstudierte Reime, es wurde laut gepfiffen und geklatscht. Als wir bei der Pinakothek der Moderne ankamen, waren wir so viele, dass man beim Umschauen weder den Anfang noch das Ende des Demonstrationszugs sehen konnte. Ein Meer aus unterschiedlichsten Menschen, die friedlich miteinander flanierten, weil sie keine andere Möglichkeit sahen, die eingefahrenen Strukturen, ein Teil derer sie längst selbst geworden sind, zu verändern. Dann übertönte plötzlich das Lied „Imagine“ die Geräusche der Menschenmenge… Aus den knarzenden Lautsprechern auf dem riesigen Auto sang ganz vorne die Stimme John Lennons unbeirrt die alte Hymne aller Träumer „You may say I am a dreamer, but I am not the only one… I hope someday you’ll join us and the world will be as one…“ Ich und eine gute Freundin, die zu uns gestoßen war, nahmen uns gerührt in den Arm und mussten gleichzeitig lachen: mindestens die Hälfte der anwesenden Demonstranten hatte altersbedingt vermutlich keine Ahnung, wer John Lennon gewesen ist. 

Der alte Träumer- und Kämpfergeist, einmal heraufbeschworen, wurde in Gestalt von Konstantin Wecker bei der Schlusskundgebung am Odeonsplatz erneut lebendig. Nach ein Paar abschließenden Reden zum Thema Plastikflut, Konsumwahn, Co2-Austoß und zur Vorbildfunktion der Eltern sang er ein Lied, das er zu Ehren der Proteste von Wackersdorf vor 40 Jahren geschrieben hatte. Es ging gerade sehr poetisch und musikalisch ausgeklügelt um zivilen Ungehorsam, als die Glocken der Theatiner Kirche gewaltig miteinstimmten. Fast dramatisch kämpfte seine Stimme begleitet von Klavierklängen mit dem drönenden Geläut – ein spektakulärer Abschluss einer gelungenen Veranstaltung!  

 

 

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