37kg Plastikmüll verursacht jeder Einwohner Deutschlands im Jahr. Das sind etwa 6kg mehr als der EU-weite Durchschnitt. Jedes Jahr geraten weltweit etwa acht Millionen Tonnen Plastikmüll in die Ozeane und kosten 100.000 Meeressäugern und einer Million Seevögeln das Leben. Diskussionen um Verbote von Einweggeschirr und Plastiktrinkhalmen haben inzwischen jedes Wohnzimmer und jeden Stammtisch erreicht. Sogar in der Kunst wird das Thema aufgegriffen.

Doch wie beeinflussen diese erschreckenden Nachrichten unseren Alltag? Der Stoffbeutel statt der Plastiktüte ist in Aying Standard, Hofläden erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Manche Menschen gehen noch einen Schritt weiter und versuchen, in allen Lebensbereichen auf Plastik zu verzichten bzw. sehr wenig oder gar keinen Kunststoffmüll zu produzieren. Zahlreiche Initiativen und Veröffentlichungen rund um ein plastikfreies Leben gibt es, auch die Grünen unterstützen motivierte Mitbürger*innen mit Tipps zur Plastikvermeidung.

Doch wie sieht so ein plastikfreies Leben im Alltag aus? Wir haben Stefanie aus Göggenhofen dazu einige Fragen gestellt. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern seit mehreren Monaten nahezu plastikfrei und hat inzwischen viele Vermeidungstipps und –tricks.

Warum (und wann) hast Du Dich für ein plastikfreies Leben entschieden? Was gab den Ausschlag dafür?

Ich bin schon länger sehr nachhaltig unterwegs und hab bereits seit Anfang des Jahres versucht, unseren Müll immer mehr zu verringern, aber der Plastikmüll blieb immer gleich viel. Dann bin ich auf ZeroWaste/Null Müll gestoßen und war sofort Feuer und Flamme. Die endlosen Reportagen und Berichte über unser aller Plastikmüll, die schlechte Recyclingquote und vor allem die Vermüllung der Meere haben mich schon länger beschäftigt. Die Aussicht, es geht auch ohne, kam da wie gerufen. Seit Mai verzichten wir nun soweit wie möglich auf Plastik.

Ist Dir die Umstellung schwergefallen? Wie hat Dein Umfeld reagiert?

Die Umstellung war eigentlich ziemlich leicht. An vielen Stellen habe ich bereits plastikfrei eingekauft, seit ein paar Monaten schaue ich noch genauer, was und wo ich kaufe. Der erste Einkauf in einem verpackungsfreien Bioladen hat mir da auch viel Mut gemacht und gezeigt, dass es sehr gut funktionieren kann.
Mein direktes Umfeld, also meine eigene Familie, war im gesamten Prozess dabei und hat mich direkt unterstützt. Freunde und Bekannte bekommen es erst nach und nach mit, die meisten finden es bewundernswert und richtig, es zu tun. Manch einer winkt aber auch direkt ab und meint, dass das gar nicht geht.

Kannst Du uns beispielhaft einen ganz normalen plastikfreien Einkauf schildern? Wie kaufst Du Gebrauchsgegenstände wie Spülschwämme, Zahnbürsten, Hygieneartikel plastikfrei ein? Ist Einkaufen generell schwieriger geworden?

Bevor ich einkaufen gehe, überlege ich sehr genau was ich kaufen möchte: also was brauche ich wirklich und wo bekomme ich es. Mein wöchentlicher Einkauf ist dann sehr einfach, eine große Einkaufstasche und sehr viele kleinere, plus einige Aufbewahrungsdosen und leere Gläser. Fleisch, Wurst und Käse lasse ich mir an der Theke direkt in meine Boxen füllen, ohne unnötiges Papier oder gar Folien. Antipasti und Oliven passen wunderbar in leere Schraubgläser. Milch, Sahne und Joghurt kaufe ich im Glas. Bei Obst und Gemüse greife ich nur zu unverpackter Ware; kleine Sorten, wie z.B. Aprikosen, lege ich dafür in kleine mitgebrachte Beutel, das macht das Wiegen einfacher. Einmal im Monat gehe ich dann in einen Unverpackt-Laden und decke mich mit den Trockenwaren ein, die es im normalen Laden oft nur in Plastik gibt: also Reis, Nudeln, Linsen, Nüsse und solche Dinge. Aber auch Süßigkeiten für die Kinder, Tees und Gewürze kaufe ich dort.
Spülschwämme gibt es mit Papierbanderolen, viele Putzmittel sind unnütz oder man kann sie gut selber machen oder zumindest in Recyclingplastik oder sogar Bio-Plastik kaufen. Wir waschen uns nur noch mit Seifen, die plastikfrei verpackt sind. Waschmittel gibt es problemlos in Pappkartons und Klopapier hole ich im Unverpackt-Laden, die haben dort ein tolles Cradle-to-Cradle
zertifiziertes Klopapier. Zum Zähne putzen verwende ich Dentatabs, das sind kleine Tabletten, die werden zerkaut und dann putzt man mit dem Pulver. Was wirklich super ist, dass es auch nachhaltige Alternativen für elektrische Zahnbürsten gibt, die komplett in Papier verpackt sind. Außerdem habe ich mir auch einen Rasierhobel gegönnt, der durch plastikfreie Klingen wesentlich umweltverträglicher und sehr einfach zu handhaben ist. Make-up wird schwierig, aber da ich nur sehr wenig benutze und die alten Vorräte im Moment auch noch aufbrauche, werden sich da auch noch Alternativen zeigen.
Ich finde einkaufen ist einfacher geworden, weil man viele Dinge einfach nicht mehr kauft. Aber es gilt sehr viel mehr zu planen. Und Spontankäufe sind schwieriger geworden.

Wie haben Deine Kinder reagiert und wie machen sie ganz konkret bei der Plastikvermeidung mit?

Meine Kinder waren von Anfang an positiv dabei, sie bekommen die Auswirkungen aber glaub ich gar nicht so mit. Sie sind neugierig auf alles Neue, das ich anschleppe. Und etwas anders zu sein als die anderen, hat auch immer etwas Besonderes für Kinder. Sie erzählen schon sehr stolz, dass wir jetzt nur noch Glastrinkhalme haben. Solange es Gummibärchen im Glas gibt und ich Pudding koche, ist alles gut. Wir haben viel darüber geredet, warum ich keine Chips, Fruchtriegel oder die Lieblingscornflakes mehr kaufe. Die Kinder sind aber wirklich sehr verständig und quengeln dann nicht ewig, unterwegs gibt es aber durchaus auch Mal Ausnahmen. Sie sollen sich letztendlich nicht benachteiligt fühlen und dem plastikfreien Leben positiv gegenüberstehen.

Was meinst Du: Ist ein plastikfreies Leben teurer?

Ich denke es hält sich die Waage, ob ich plastikfrei oder verpackt einkaufe. Manche Dinge sind etwas teurer, aber dafür kaufe ich andere Dinge gar nicht mehr, die einen Einkauf früher sehr schnell teuer gemacht haben.
Teurer ist es aber auf jeden Fall nur biologisch erzeugte Lebensmittel zu kaufen, also Demeter Milch/Käse und ökologisch erzeugtes Fleisch und Wurst. Das gehört für mich zum Nachhaltigkeitsgedanken dazu, weshalb ich versuche nur Produkte zu kaufen, die mit der Umwelt vereinbar sind, also saisonal, regional, bio und immer plastikfrei.

Was würdest Du als Dein größtes Erfolgserlebnis bezeichnen?

Jeder Einkauf, der plastikfrei ist, ist ein Erfolg, weil dadurch Müll und Ressourcen eingespart werden. Mein größter Erfolg ist es, dass wir dabei geblieben sind und selbst im Urlaub Möglichkeiten ausgemacht haben, ohne Plastik auszukommen. Wir kommen ja aktuell aus den Ferien zurück und haben unseren Müll in einem kleinen Glas gesammelt, und es ist immer noch Platz drin!

Die Möglichkeiten, in und um Aying plastikfrei einzukaufen, womöglich gar ohne weite Strecken mit dem Auto fahren zu müssen, sind leider noch sehr begrenzt. Für alle interessierten Mitbürger*innen wird es jedoch noch im September einen Stammtisch zum Austausch über Möglichkeiten, im Alltag Plastik zu vermeiden. 

Im Programm der Grünen wird Umweltschutz durch Plastikvermeidung übrigens großgeschrieben. Neben einem internationalen Abkommen gegen die Plastikflut in den Meeren fordern die Grünen auch ein Wertstoffgesetz, das der Wiederverwendung Vorrang einräumt und die Müllverbrennung zu Dumpingpreisen in Kraft- und Zementwerken beendet, sowie eine Ressourcenabgabe für die Produzente. Mehr dazu hier.

Quellen und Bilder, Stand 10.09.2018:

https://www.gruene.de/themen/gruene-themen-von-a-bis-z/wir-erhalten-unsere-natur.html

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/deutschland-im-eu-vergleich-deutlich-mehr-plastikmuell-pro-kopf-100.html

10. September 2018, Nortrud Semmler-Otranto & Katharina

 

 

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